“BIS ANS ENDE DER WELT“ von WIM WENDERS
Text von Lilian Franck vom 21.6.92


Ich lache am intensivsten und liebsten über mich selber.
Dann lache ich gerne über und mit den Menschen, die ich mag.
Meistens über “Fehler“ und Probleme von mir und anderen.
Das Lachen hilft; diese ein bisschen zu verdrängen, indem ihnen beim Drüberlachen sogar noch etwas Liebenswertes, die positive Seite, abgewonnen wird.
Was heißt das jetzt für einen Film, indem ich lachen soll?
Ich muss Eigenschaften, Situationen, Probleme wiedererkennen, um sie auf mich oder Leute, die ich kenne, übertragen zu können.

Bei den Filmen “Alles Lüge“ und “Cosimas Lexikon“ gelingt mir dies nur selten.
Vielleicht, weil die Probleme, die von diesen Filmen angesprochen werden, erst mal in ihrer Schwere und Differenziertheit erkannt werden müssten, um dadurch zu existieren. Erst wenn sie vorhanden sind, bin ich bereit, befreit über sie zu lachen.
(Beispiel: Probleme von Ostdeutschen, Probleme von Westdeutschen, Probleme wenn Ostdeutsche Westdeutschen begegnen, Alkoholsucht kommt bei “Cosimas Lexikon“ nicht vor, sie ist lediglich ein Hinderungsgrund den Neffen zu überlisten)

Für mich ist eine Komödie nur eine Art der “Verpackung“ eines Themas.
Dieses Thema muss genauso ausführlich wie für andere Filmgenres untersucht werden.
Da ich mich bisher noch nicht ausreichend mit der Ost-West Problematik beschäftigt habe, fällt es mir schwer ein Konzept zu entwickeln, mit dem mir diese Filme besser gefallen würden. Es bleibt bei dem unkonkreten Tipp, wie solch ein Konzept entstehen könnte.

In der ersten Hälfte von “Bis ans Ende der Welt“, die auch Komödie ist, ging es mir anders. Ich war überrascht mit welcher Leichtigkeit über mir angsteinflößende, heute schon vorhandene und zukünftige Entwicklungen gesprochen wird.
(Beispiel: die sprechende Computer-Kuh; der Satz aus dem Kindermund: “Schlafen ist out“ - schon heute wirklich, da wir keine Zeit mehr haben, der Körper als lästiges Utensil, der sich beliebig manipulieren lassen muss, Out-In-Trends, die sich schnell und unbegründet ablösen)
In “Bis ans Ende der Welt“ erkenne ich mich noch öfter wieder.
Da mich seine Themen bisher am meisten interessierten schreibe ich über diesen Film.

WELCHE BILDER VON FILMEN, DIE ICH GESEHEN HABE, SIND MIR NOCH IM KOPF?
WIE WIRKEN SIE SICH AUF MEIN WEITERES SCHAFFEN AUS?

aus „Bis ans Ende der Welt“:
- Traumbilder
- Mutter mit Kind, durch „Blindenkamera“ gefilmt
- Schatten des Flugzeugs über Landschaft nach der Atomkatastrophe, Claire und Sam mit Autotür in Wüste

Die intensivste Erinnerung ist an die Traumsequenzen. Diese Bilder zogen mich stark an, durch ihre Schönheit und gleichzeitig die Angst, die sie bei mir auslösten. Dieses Zusammenspiel ließ mir wahrscheinlich auch die Bilder nach der Atomkatastrophe im Kopf bleiben.
Für mein weiteres Schaffen folgere ich, dass die Angst vor den neuen, unverständlichen Technologien (Computer, HDTV) überwunden werden muss, da diese doch interessante und schöne Bilder herstellen können.

Claire,Sam und Sams Mutter erkranken an Bildern.
Auch in den Kritiken über den Film ist wiederholt von einer „Krankheit der Bilder“ die Rede.
Verena Lueken schreibt in der FAZ: „...der nach langen 3 Stunden die Botschaft verkündet, die schon im 2. Buch Moses, ungleich eindringlicher formuliert wurde: „Du sollst Dir kein Bild machen.“
Das wäre, wenn es so wäre, eine seltsame Botschaft für einen Filmemacher.
Ponkie schreibt: „...so jagen die Filmemacher nach dem Bild hinter dem Bild: Die Obsession der sichtbar gemachten Träume und Erinnerungen im Kopf zieht sich als technische Lust durch die Kinogeschichte.“
Heidegger schreibt in seinem Heraklit Buch „Alles Wesen ist in Wahrheit bildlos. Zu Unrecht fassen wir dies als einen Mangel. Wir vergessen dabei, dass das Bildlose und also Unanschauliche allem Bildhaften erst den Grund und die Notwendigkeit gibt....Alles Anschauliche ist ohne das Unanschauliche, das es zu schauen geben soll, nur ein Augenreiz.“

So möchte ich als Filmemacherin folgendermaßen mit Bildern umgehen:
Es ist erlaubt sich von „Allem“ Bilder zu machen.
Eine „Krankheit der Bilder“ kann für mich nur:
- durch Bilder entstehen, die bloß anschaulich sind.
- dadurch entstehen, daß wir vergessen daß die Bilder nur Bilder sind.
- dadurch entstehen, daß wir unsere eigenen, inneren Bilder durch fremde, äußere Bilder ersetzen, statt sie dadurch zu ergänzen.
So versuche ich meine Bilder für Angst und Atomkatastrophe nicht durch die von Wim Wenders zerstören zu lassen, dass heißt ihnen nicht mehr zu trauen, als den meinen, undefinierten.

WIE KOMME ICH NOCH IN DEM FILM VOR?
Am Ende handelt der Film von der Unmöglichkeit sich miteinander zu verständigen und sich somit gegenseitig helfen zu können. Auch meine Arbeiten handeln meistens von Leuten, die sich nicht verstehen können. Deutet darauf hin, dass dies auch in meinem Leben eine Schwierigkeit ist. Wäre zumindest ein Grund, weshalb ich auf Filme als zusätzliche Möglichkeit ausweiche. Bei Wim Wenders verstehen sich Sam und Claire am Ende nicht mehr, da beide in ihr narzisstisches Ich flüchten. Es ist keine Zeit und kein Interesse mehr für den anderen vorhanden. Sie verlieren den Kontakt zur Umwelt und untereinander, werden süchtig nach ihren Träumen, die immer absurder werden.
In sich gefangen der Realität entrückt sind Sam und Claire der Gesellschaft verrückt (ge) worden.
Aus diesem Zustand befreit werden sie durch die Hilfe von anderen Menschen und einem bestimmtem Austausch-Medium. Sam malt, Claire liest.
Wim macht Filme. Aus Träumen.

„Bis ans Ende der Welt“ ist in dieser Form kein Publikumserfolg.
Die Konsequenz, dass Wim Wenders zu ausschließlich aus seinen eigenen Träumen oder Filmen schöpfte?

„Bis ans Ende der Welt“ ist ein Kritikererfolg. Mir gefällt er auch.
Laurens Straub sagt: „der Kritiker verbrüdert sich mit Wim Wenders, weil er etwas Neues will.“
Für mich wäre das „Neue“ in dem Fall der Versuch einen „Kommunalen- Kino-Film“ mit einem „kommerziellen Erfolgsfilm“ zu verbinden.
Der Wunsch, dass dies möglich ist, ist bei mir sehr groß.

Neben den vorher genannten Thematiken interessiert mich der „Roadmovie-Aspekt“: Suche nach neuen Orten, Zuständen, Personen nach dem Motto „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“.
Mich interessiert die Person Wim Wenders hinter dem Film, darum stört mich nicht, dass er seine Lieblingsmusik verwendet.

ENDE.